Der Einsatz infizierter Pflegefachpersonen muss vermieden werden

Mainz, 12.11.2020

In einigen Bundesländern wird positiv getestetes Pflegepersonal eingesetzt – Situation in der Langzeitpflege spitzt sich zu

„Einen Einsatz positiv getesteter Pflegefachpersonen betrachte ich als sehr kritisch. Mit dieser Maßnahme würde man das gesundheitliche Wohlergehen einer Berufsgruppe aufs Spiel setzen, die ohnehin schon besonders gefährdet ist. Der Krankheitsverlauf nach einer Ansteckung mit dem Coronavirus ist zudem oft unberechenbar, sodass schwere Symptome auch erst später auftreten können. Es fehlen derzeit die Belege dafür, ob schwere körperliche Betätigung, die in der Pflege üblich ist, nicht schwere Erkrankungsfälle befördern kann. Daneben kann der Einsatz infizierter Pflegefachpersonen dazu führen, dass im schlimmsten Fall die gesamte Belegschaft ausfällt und somit die pflegerische Versorgung in der jeweiligen Einrichtung oder Klinik gefährdet wird. Ein infizierter Mitarbeiter stellt trotz Schutzmaßnahmen eben nicht nur ein Risiko für sich, sondern auch für seine Kolleginnen und Kollegen sowie für die einzelnen Pflegeempfänger dar. Daher müssen wir grundsätzlich bei coronabedingten Personalausfällen zunächst gemeinsam andere Wege finden, um Personalengpässe in der beruflichen Pflege zu kompensieren. Die Beschäftigung infizierter Pflegefachpersonen sollte momentan wirklich nur dann in Betracht gezogen werden, wenn alle anderen Optionen begründet fehlschlagen, die Versorgung von Menschen unmittelbar und akut gefährdet ist und der jeweilige Mitarbeiter einem Einsatz auch definitiv zustimmt. Selbstverständlich sollte eine derartige Arbeit auch fair entschädigt werden. Pro Schicht wäre eine persönliche Zulage von mindestens 400 Euro netto in diesen extremen Fällen mehr als angemessen“, so Dr. Markus Mai, Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz.  

Mit den steigenden COVID-19-Infektionszahlen spitzt sich der Fachkräftemangel in der Pflege weiter zu: In einigen Bundesländern wie Bremen und Bayern versorgen nun Pflegefachpersonen, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden, infizierte Bewohner und Patienten. Aktuell mangelt es insbesondere auf Intensivstationen an qualifiziertem Pflegepersonal, sodass beispielsweise in Niedersachsen die Anhebung der Arbeitszeit flächendeckend auf 12 Stunden beschlossen wurde und zusätzlich auf Bundesebene über die Aussetzung der Personaluntergrenzen in Krankenhäusern diskutiert wird. Laut Mai fördern solche Maßnahmen den Personalmangel und die zugrundeliegende Unzufriedenheit nur weiter.

„Wesentlich zielführender sind Maßnahmen zur Schaffung von Versorgungspuffern in Krankenhäusern. Hier ist der Gesetzgeber gefordert und sollte dementsprechend zeitnah die Bettenfreihaltepauschalen wiedereinführen. In Notsituationen wäre auch eine Lösung, Patienten in andere Krankenhäuser zu verlegen. Zusätzlich sollten planbare Behandlungen solange verschoben werden, bis die Kliniken wieder einigermaßen aufatmen können. Gedanken machen müssen wir uns insbesondere über die schwierige Situation in der stationären und ambulanten Langzeitpflege, da Krankenhäuser bei einer Bettenauslastung wesentlich flexibler reagieren können. In der Eingliederungshilfe besteht diese Möglichkeit etwa nicht, was eine sehr große Herausforderung darstellt. Deshalb sollte es auch hier keine regionalen Antworten, sondern politisch gedeckte Aussagen und klar definierte Verantwortungsbereiche geben“, sagt Mai.

 

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