Mainz, 30. Juni 2026 – Die extreme Hitze des vergangenen Wochenendes hat in Rheinland-Pfalz erneut gezeigt, wie verletzlich Menschen mit Pflegebedarf bei hohen Temperaturen sind – und unter welchem Druck die professionelle Pflege in solchen Lagen steht. In einem Seniorenheim im Donnersbergkreis mussten am Samstag rund 15 Bewohnerinnen und Bewohner versorgt werden, nachdem mehrere von ihnen infolge der Hitze kollabiert waren. Feuerwehr, Rettungsdienst und Notärzte rückten zu einem Großeinsatz aus, das Dachgeschoss wurde geräumt.
“Solche Einsätze sind ein Alarmsignal. Hitzeperioden dieser Intensität sind keine Ausnahme mehr – die nächste Hitzewelle kommt bestimmt, und sie kommt früher, als vielen lieb ist“, erklärt der Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz, Dr. Markus Mai. „Für ältere, vorerkrankte und immobile Menschen kann Hitze lebensbedrohlich werden. Sie zuverlässig zu schützen, ist eine pflegerische, vor allem aber eine politische und gesellschaftliche Aufgabe.“
Direkter Draht zur Kammer: Neues Notfallmeldesystem für Pflegende
Als unmittelbare Konsequenz aus solchen Lagen hat die Landespflegekammer ein neues Notfallmeldesystem eingerichtet, mit dem Pflegefachpersonen akute Notlagen in ihren Einrichtungen unkompliziert und vertraulich melden können. Gerade in kritischen Situationen tragen Pflegende eine besondere Verantwortung – wie etwa bei der Prävention von Hitzeschäden. Allein bleiben sollen sie damit jedoch nicht: Wenn die Lage vor Ort als gefährlich oder nicht mehr vertretbar eingeschätzt wird, steht die Kammer ihren Mitgliedern aktiv zur Seite.
„Niemand soll in einer Situation, die als unmenschlich oder gefährlich empfunden wird, das Gefühl haben, damit allein dazustehen“, betont Mai. „Mit unserem Notfallmeldesystem geben wir den Pflegenden einen direkten Draht zur Kammer, damit wir schnell reagieren und Unterstützung organisieren können“. Mai zieht zugleich eine Parallele, die das Ausmaß des Problems verdeutlicht: „Hitze ist ein Extremwetterereignis – genauso wie eine Überschwemmung, Sturm oder Hagel. Der entscheidende Unterschied ist: Nach so einem Unwetter sehen wir die zerstörten Dächer und überfluteten Keller sofort. Die lebensbedrohlichen Auswirkungen der Hitze sind auf den ersten Blick nicht sichtbar – doch sie sind ebenso real und können tödlich enden. Genau deshalb wird diese Gefahr noch immer unterschätzt.“
Knappes Personal als strukturelles Problem
Aus Sicht der Kammer macht der Vorfall vor allem ein strukturelles Problem sichtbar: Die personelle Ausstattung vieler Einrichtungen ist so knapp bemessen, dass für außergewöhnliche Belastungssituationen kaum Spielraum bleibt. „Wenn an einem extrem heißen Tag zusätzlich gekühlt, häufiger zum Trinken motiviert, Vitalwerte engmaschiger kontrolliert und ganze Etagen umverlegt werden müssen, stößt ein auf den Normalbetrieb ausgelegter Personalschlüssel zwangsläufig an seine Grenzen“, so Mai. „Das ist kein Versagen der Pflegefachpersonen – im Gegenteil. Sie leisten in solchen Momenten Außergewöhnliches und arbeiten dabei selbst am Limit. Wir dürfen sie mit dieser Verantwortung nicht allein lassen.“
Politik und Einrichtungsleitungen in der Pflicht
Die Landespflegekammer betont, dass wirksamer Schutz vor Hitze weit über das Engagement Einzelner hinausgeht und in erster Linie die Politik gefordert ist. So wie nach Hochwasserkatastrophen in Hochwasserschutz investiert werde, müsse auch die Infrastruktur flächendeckend an die zunehmende Hitze angepasst werden – in Pflegeheimen, Krankenhäusern und in der ambulanten Versorgung ebenso wie im öffentlichen Raum. Notwendig seien verbindliche, einrichtungsspezifische Hitzeschutzkonzepte, bauliche Anpassungen wie Verschattung und Kühlung gerade in exponierten oder schlecht belüfteten Gebäuden, klare Handlungsabläufe für Hitzewarnstufen sowie eine Personalbemessung, die Belastungsspitzen tatsächlich abbilden kann.
„Wir brauchen jetzt einen politischen Kraftakt für die Klimaanpassung in der Pflege – nicht erst nach dem nächsten Großeinsatz“, fordert Mai. „Hitzeschutz darf kein Papier in der Schublade sein, sondern muss im Alltag funktionieren, auch dann, wenn es richtig heiß wird und mehrere Menschen gleichzeitig Hilfe brauchen. Der Klimawandel ist längst in der Pflege angekommen. Wer die Versorgung sichern will, muss jetzt handeln – in Vorsorge, in Strukturen und in das Personal investieren. Daneben sind Einrichtungsleitungen in der Pflicht, zum richtigen Zeitpunkt die geeigneten Maßnahmen auf den Weg zu bringen und deren Umsetzung zu überwachen. Hitzewellen sind mit anderen Katastrophen durchaus gleichzusetzen und erfordern daher eine zeitnahe Abkehr vom gewohnten Betrieb, die Festlegung neuer Prioritäten, die Hinzunahme zusätzlicher Ressourcen sowie die Sicherstellung der entsprechenden einrichtungsweiten Umsetzung zum Wohle der Pflegebedürftigen als auch der diese versorgenden Mitarbeitenden“, so Mai abschließend.